Gabriele Kunkel M.A.
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Foto: Robert Haas
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11. September 2015, 18:43 Uhr

Maxvorstadt Im Souvenirladen

Mit dem Rollator unterwegs durch das Lenbachhaus: Drei alte Damen entdecken moderne Kunst

Von Jutta Czeguhn, Maxvorstadt

Frau Kubisch, Frau Eßer und Frau Geese sind zufrieden. Mehr noch, die betagten Damen strahlen wie Kinder im Bonbon-Laden. Laden trifft es, obwohl man keinen einzigen der 1000 Artikel erstehen kann, die da hinter dem Schaufensterglas locken. Ein Winke-papst, Brillen, Manschettenknöpfe, Kuckucksuhren, Löffel, Miniatur-Telefonzellen, Tischklingeln, Angela Merkel als Zitruspresse - na, eben Dinge, wie sie die Welt nicht braucht. Wunderbaren Plunder, den Hans-Peter Feldmann vierzig Jahre lang in seinem Geschäft in der Düsseldorfer Altstadt verramscht hat. Seit Mai ist sein legendärer Souvenirladen Teil der Sammlung "Kunst nach 1945" des Münchner Lenbachhauses. Vorerst bis 2017 als Dauerleihgabe. Frau Kubisch, Frau Eßer und Frau Geese waren neugierig auf dieses Sammelsurium - auf eine ganz spezielle Sache dort.

Man muss jetzt einen kleinen Schwenk tun und auf Helmut Schmidt zu sprechen kommen. Der ist Leiter des Alten- und Service-Zentrums der Caritas in Neuhausen und lässt sich jedes Jahr im September zum Rollatortag etwas Besonderes einfallen, über die bloße Werbung für die praktischen Gehhilfen hinaus. Eher zufällig kam ihm da die Gegenwartskunstschau im Lenbachhaus unter, die mit einer Rollator schiebenden Nippes-Oma aus der Feldmann-Sammlung wirbt. Und dazu noch einen perfekten Titel hat: "So ein Ding muss ich auch haben." Schmidt holte die Verantwortlichen des Museums mit ins Boot und organisierte eine kostenlose Führung für Menschen mit Rollator. Nicht die letzte, hofft er.

Ein Vormittag im Lenbachhaus: Für Rollateure gibt es eigene Museumsführungen.

"Rollateure", wie Schmidt sie nennt, hätten oft eine große Hemmschwelle, Ausstellungen zu besuchen. Dabei seien die meisten Museen sehr gut auf Menschen mit Gehproblemen eingestellt. Auch das Lenbachhaus. An diesem Vormittag bleibt es übersichtlich am Treffpunkt. Hildegard Geese, 85, sitzt im Rollstuhl, sie wird von Tochter Angelika Pinter geschoben. Gisela Eßer, 81, kommt mit dem Taxi, sie lebt erst seit zwei Monaten in der Stadt und will Münchens Museen kennenlernen. Die Älteste in der Runde, die 91-jährige Barbara Kubisch, fährt in der Rikscha vor, in die Pedale tritt Helmut Schmidt.

Im Lenbachhaus erwartet Gabriele Kunkel die Gruppe. Die freie Kunsthistorikerin gehört dort zum Hausteam. Bereits im Foyer gibt es für die Teilnehmer Beeindruckendes zu sehen. Gisela Eßer und Barbara Kubisch lassen per Handgriff die Bremsen ihrer Rollatoren einrasten, machen es sich auf den Sitzen bequem und legen den Kopf in den Nacken. Von der Decke windet sich Olafur Eliassons "Wirbelwerk". Eine tonnenschwere Arbeit aus poliertem Metall und 450 farbig-dreieckigen Glasscheiben, erklärt Gabriele Kunkel. Mit dem Aufzug geht es in die Sammlung zeitgenössischer Kunst im ersten Stock. Barbara Kubisch ist lieb erstaunt über die "Speedrikscha" des Projekts "MC Suicide Unlimited", ein Gefährt halb tomatenroter Sportwagen, halb Fahrrad. In den folgenden Räumen parken die Rollateurinnen im Halbkreis um enigmatische Werke von Joseph Beuys. Gabriele Kunkel versteht es, einfühlsam zu beschreiben, was der Kunstschamane der Welt sagen wollte. Natürlich kommt sie auf die Sache mit den Fettecken zusprechen, auf die Putzfrauen, die es zu gut mit seinen Objekten meinten. Sie erzählt von der Badewanne, die von SPD-Frauen mal fürs Gläserspülen verwendet worden war. Drollige Anekdoten wechseln sich ab mit anschaulichen Werkerklärungen: Beuys und das Spirituelle. Die Totenbahren der Installation "Zeig mir Deine Wunde". Hildegard Geese nickt nachdenklich.

Doch Leichtigkeit stellt sich wieder ein, als die Kunstrundfahrt in der Feldmannschen Wunderkammer endet. Da sind dann auch die winzigen Rollator-Omas zu bestaunen, die sich auf einem blauen Teller drehen. "Wahnsinn, Wahnsinn", sagt Hildegard Geese und strahlt über ihr schönes, altes Gesicht.